Freitag:
Wie gut der „eigene Mann“ doch ist, merkt man erst, wenn man andere Erfahrungen machen durfte. Das durfte ich heute. Und merke mal wieder, was ich doch an „meinem“ habe….
Heute Nacht quälten mich Zahnschmerzen (eigentlich schon die ganze Woche, aber so etwas wird ja auch gerne mal ignoriert… man hält es noch bis zu dem Termin aus….) Failed… Heute morgen überlegt: Mein Zauberdoc oder der Arzt hier? Habe mich aus dem Grund der langen Anfahrt dann für den Zahnarzt hier im Dorf entschieden. Habe gedacht, wenn der Zahn raus muss, dann schaffe ich es nicht, im schlechtesten Fall 2 Stunden Fahrt nach Hause zu bewältigen und es tat auch so weh, dass ich mir eine Hinfahrt auch nicht zugetraut habe.
Anruf hier in der Dorfpraxis: „ich habe Zahnschmerzen – haben Sie einen Termin frei?“ „Kommen Sie mal gleich…“ „Könnten Sie bittevermerken, dass ich Angstpatient bin?“ „Ja- mache ich!“
„Todesmutig“ also gleich auf den Weg gemacht, kleines Mantra vor mir hergemurmelt: „bald sind die Schmerzen weg…“ Failed….
Helle, freundliche Praxis, schöne Ausstattung, eleganter Einrichtungsstil, nette Menschen…? Wie definiert man „nett“? Das ist ja bekanntlich Auslegungssache. Ich wurde freundlich begrüsst, hatte aber ein ungutes Gefühl beim Abklappern der „Standard-Fragen“. Erst einmal ab in den Wartebereich. Dann wurde ich aufgerufen.
Im Gang fragte mich der ZA gleich nach meinem Problem. Ich schilderte es. Entweder Weisheitszahn oder der Zahn, der eh raus muss wegen Karies. Direkt ab zum Röntgen.
Aus dem Röntgen in den Stuhl. „Hallo – ich habe Angst. Kann mich da nicht hinsetzen, ohne ein paar Worte gewechselt zu haben….Ich war knapp 15 Jahre nicht beim Zahnarzt bis vor einigen Monaten…!“ „Setzen Sie sich mal, ich will mir das mal angucken….“ Braves Mädchen-Raster eingeschaltet. Mutig den Mund aufgemacht… „Warum sind ihre Weisheitszähne noch drin? Was soll denn das da hinten werden?“ Gleichzeitig ein „Klopftest“! Ich zucke zusammen. Schmerzen!!! Drücke seine Hand von mir weg.
„Können Sie mir bitte IMMER erklären, was Sie da machen. Und vorwarnen, wenn es weh tun sollte! Bitte“ – „Beim Zahnarzt kann es manchmal weh tun, ist nicht zu
ändern. Ich bohre jetzt das ganze auf, dann müsste der Schmerz erstmal weg sein.“ Ich schalte ab. Mein Kopf sagt mir nur eines…“Halte das durch! Sch… auf den Kerl! Du schaffst das!“ Ich sage laut „Bitte vorsichtig die Spritze setzen…“ „Der Nerv ist tot, da gibt es keine Spritze!“
Eigentlich hatte er Recht. Besondere Schmerzen begleiteten mich nicht in den nächsten 5 – gefühlten 50 Minuten. Wohl aber die Entstehung
neuer Panikbilder in meinem Kopf. Aufbohren ist nicht nett. Und solche Bemerkungen wie: „Was ist das seltsames an ihrem Schneidezahn…?- Ach, Sie haben
sich wohl nicht die Zähne gründlich geputzt…“ (Es handelte sich um einen Zahnpastarest…) erst recht nicht.
Ich habe es überlebt. Als ich aufstehen durfte, sagte er, dass ich am Montag wiederkommen solle. Ich sagte nur „MICH werden Sie hier nicht wiedersehen. Ich darf doch wohl bitte meine Röntgenaufnahmen mitnehmen, damit mein ZA nicht nochmals röntgen muss….“ Er guckte verdutzt. Ich schnappte mir meine Röntgenaufnahme und zog von dannen. Ein wenig enttäuscht darüber, dass es beim Zahnarzt doch „blöd“ sein kann und irgendwie beruhigt, weil ich wusste… „ER wartet auf mich. Mein Doktor. Mein Doktor mit seinen Zauberspritzen, seinen Witzen und seiner herzlichen Art. Er wird mir diesen Fehltritt verzeihen!“ Angst wollte von mir Besitz ergreifen doch ich sagte diesem Gefühl sogleich: „Es war ein Fehltritt, liebe Angst – wollte dir nur mal demonstrieren, wie es ist, wenn ich dich brauche – nun kannst du wieder in der Versenkung verschwinden…“
Auf dem Weg nach Hause fing das Pochern an….
Samstag/Sonntag
Notdienst? – Angst? – Tabletten? – Warten? – Notdienst? – Angst? – Tabletten? – Warten????
Motto des Wochenendes… Immer schlimmer und schlimmer wurde das Pochern. Habe schon früher mal Zahnschmerzen erlebt, doch nicht solche. Was hat dieser Kerl da mit meinem Zahn angestellt? Die möglichen Optionen für das Beenden der Schmerzen tanzten Tango im Takt mit dem Pochern. Bevor ich wieder an so einen „Dorfdoktor“ gerate, warte ich lieber. In der Nacht von Sonntag auf Montag habe ich um 24 Uhr geschlafen und ab 01:58 wach gelegen. In der Wohnung rumgetigert. Tabletten konnte ich
nicht mehr nehmen. Selbst wenn ich mein Gewicht (ungewöhnlich für eine Frau) etwas nach oben „korrigierte“ wären mehr Tabletten nur sehr ungesund geworden… Aushalten bis 4 – dann die nächste Tablette. Usw. Ich war so froh über den einbrechenden Tag…
Montag
Blue Monday- nicht bei mir!
Ab zu meinem Arzt. Ein minimaler „Anschiss“, dass ich nicht angerufen habe, sonst hätte ich keine Wartezeit gehabt, so könne es nun sein, dass ich ein halbes Stündchen
warten müsse. Mir egal. Schon der „Geruch“ alleine half… „gleich hört das Pochern auf!“. Was für konfuse Gedankengänge. Aber doch erschien es mir so. In Sicherheit. „Hier werden Sie geholfen…“
Nach 20 Minuten ins Behandlungszimmer. Meinem Zahnarzt beichtete ich gleich das Fremdgehen. „Solange Sie nur mich betrügen und nicht Ihren
Partner…- das wäre doch sehr viel folgenreicher! Wollen wir uns mal anschauen, was da los ist?“ Ich wollte. Aber kurz vorher noch eine Warnung: „Bitte nicht
auf dem Zahn rumklopfen…!“ „Warum sollte ich?“ Ich fühlte mich wie im 7.ten Himmel. „Zeigen Sie mir mal mit dem Zeigefinger, wo es genau weh tut…!“ Ich
zeigte. „Trauen Sie sich zu, dass wir den Zahn heute ziehen, war ja eigentlich für Dezember mit Unterstützung Ihrer Schwester geplant!“ Eigentlich war mir klar, dass es die einzig logische Konsequenz war, insofern stimmte ich zu. Und auch der gleichzeitigen Zahnfleischbefreiung des Weisheitszahnes, der – wen wundert es in diesem historischen Jahr – sich langsam den Weg in die Freiheit bahnte… ! Ich passte genau auf den Ablauf auf, wie mein ZA Spritzen gibt… Erst Zahnfleisch trocken fönen, dann auf einen Tupfer kurz „Minibetäubungsmittel“ geben, diesen Tuper an das Zahnfleisch halten, dann die Spritze. (Ich glaube, bald kann ich es selbst mal versuchen…) Ein wohliges Gefühl breitete sich in mir aus. Keine Schmerzen. Das erste mal seit Tagen! Keine Schmerzen. So könnte ich gerne nach Hause gehen…
Doch das war ja nicht Sinn und Zweck. Leider. Mein Herz pocherte. Auch wenn ich wusste, wenn dieser blöde Zahn draussen ist, sind auch die Schmerzen vorbei – diese
kleine Seifenblasenzeit ohne Schmerzen war zu wunderschön…! Eine knappe halbe Stunde musste ich leider noch warten, bis der ZA zurück kam, um ans Werk zu gehen. Ich sagte mir selbst, was ich so vielfach gehört hatte: „Zähne ziehen ist nicht schlimm…!“ Und doch war ich aufgeregt, zittrig und ängstlich. Als mein ZA endlich kam, war ich aber
so weit, dass ich es einfach nur noch hinter mir haben wollte. Er erklärte mir viele, viele Kleinigkeiten, die nichts mit dem Zahnziehen zu tun hatten, aber mich dennoch irgendwie beruhigten. Warum er ein Kissen unter mein Nacken lege, wieso so ein mobiler Schrank so genial sei, dass er sich stets Gedanken mache über eine
„Wohlfühlraumtemperatur“ bei ihm… Währenddessen fing er an in meinem Mund zu arbeiten. Meine Hände zitterten. Ich merkte, dass es sich nicht um ein „einfaches Zahnziehen“ handelte, denn er war ruhig während der Prozedur und redete kaum. Stückchen für Stückchen holte er den Zahn raus. Wahrscheinlich hatte ich das dem Aufbohren zu verdanken. Jedes mal, wenn er ein kleines Stück „befreit“ hatte, legte er kurz seinen Handrücken auf meine Hände und sagte: „Wieder ein Stückchen mehr…- ich mache mal ganz vorsichtig weiter.“ Nach 10 Minuten sagte mir mein Kopf: „Wieso sagen immer alle – Zahnziehen ist nicht schlimm… - ich empfinde es gerade als
grausam!“ Ich glaube, er spürte meinen Gedanken und fragte, ob ich eine kleine Pause wolle. Ich deutete mit meinen Augen ein Nein an und er machte weiter. Nach weiteren 10 Minuten war er fertig. Endlich! Das Zahnfleischentfernen über meinem Weisheitszahn ging dann sehr schnell. Tupfer an die Stellen und für die
folgende halbe Stunde – Stunde: Zähne zusammen beißen… Da alles betäubt war, wusste ich gar nicht, ob ich das richtig machte, aber er schaute mich zufrieden
an. Reden konnte ich so aber nicht mehr. Ab zur Rezeption. Ein Din A4- Zettel mit kleinen Tipps und FAQ´s. Ein Schulterklopfen von der Assistentin: „Das haben Sie heute so toll gemacht. Ohne grosse Schwester. Zu Hause haben Sie vielleicht noch ein wenig Wundschmerz, aber so tapfer, wie Sie heute hier waren, ist das ein Klacks für Sie!“ Ich
konnte nur nicken. Und wollte nur ins Bett. Nach Hause. Endlich schlafen.
Der Wundschmerz kam. Doch das machte mir keine Sorgen. Vielmehr, dass es einfach nicht aufhören wollte zu bluten. Ich hatte den Tupfer
wohl zu früh entfernt. Panisch rief ich meinen Daddy an. 4 Stunden war die Entfernung des Zahns her und ich blutete immer noch. Ich schaukelte mich selbst
hoch mit meiner Panik. Doch Daddy erklärte mir ganz ruhig, dass ich meinem Mund die Chance geben müsse, einen Pfropfen zu bilden. Also selbst Tupfer gebastelt, Angst überwunden und an die Stelle gedrückt. Es hörte auf. Endlich. Ich konnte schlafen. Und schlief. Zwar schmerzte mein Mund noch, aber es war eher wie ein zarter Hauch des
Schmerzens, welcher mich in der Nacht zuvor die Wände hatte hochgehen lassen. Eine kleine zarte Erinnerung, an den Zahn, der mich so gequält hatte.
Dienstag
The day after. Ein wenig fühlte ich mich wie ein Boxer, der gestern seinen grossen Fight gewonnen hatte. Leider sah ich eher wie ein Verlierer aus. Ein blau/grüner Fleck zierte meine Wange, doch das war nicht schlimm - vielmehr zeigte es mir: ich habe gekämpft. Und gewonnen. Die Situation in meiner Zahnarztbiographie, vor der ich am meisten Angst hatte, habe ich überlebt. Zwar mit kleinen Abschürfungen, doch glücklich. Beim lächeln spürte ich einen Muskelkater in meiner Wange. Ein Muskelkater der mir zeigte, dass man alles schaffen kann: das sogar die schlimmsten Alpträume nur Alpträume sind… und das aus meinem Alptraum im Laufe der Zeit ein traumhaftes Lächeln wird!
Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Brainbug« (20. November 2009, 19:01)