Einen schönen Morgen wünsche ich uns Angsthasen & Nicht
mehr Angsthasen, es wird ein etwas längerer Text werden, also lehnt euch zurück
und holt ´nen Kaffee.
Ich bin 29 Jahre alt und war über 10 Jahre nicht beim Zahnarzt. Die Angst
bestimmte mein Leben. Ich habe stundenlang täglich Gedanken an meine Zähne
"verschwendet" und die Gedanken haben sich immer im Kreis gedreht und
meine Angst ist dadurch nur noch schlimmer geworden. Meine Eltern und auch
meine Geschwister haben stets zu mir gesagt: "Nu komm, geh hin. Wir helfen
dir auch" - aber trotzdem habe ich diesen Schritt nicht gehen können. Habe
lieber den Kontakt zu ihnen vernachlässigt, bevor beim Telefonieren oder beim
Besuch das Thema auf meine schlechten Zähne kommt. Mein Bruder sagte bei einer
Familienfeier mal zu mir: "Schwesterherz, es sieht aus, als ob du dir ein
Kaugummi über deine Zähne geklebt hast, wie kann ich dir helfen?" Er
konnte mir nicht helfen. Ich habe lieber gar nichts mehr gesagt. Auch mein
Vater ist ein absoluter Zahnarztschisser, aber er hat seine Angst schon in
meiner Kindheit überwunden und geht regelmäßig alle drei Monate - trotz
Schwitzanfälle und Herzrasen - und auch wenn ich mit ihm sonst über alles reden
kann, dieser Punkt war bei mir so empfindlich, so wund, dass ich absolut dicht
gemacht habe.
Vor 4 Wochen war ich bei meinen Eltern und da mein Bruder bald 40 Jahre wird,
haben meine Mutti und ich uns alte Fotos angeschaut. Auf einem über 10 Jahre
alten Foto lächelte ich mit breitem Mund. Sie legte es zur Seite und sagte
traurig zu mir: "Kleines, schau dir mal das Foto an und dann sieh in den
Spiegel. Du hältst dir immer die Hand vor den Mund, bist ständig verbissen und
traurig und dabei bist du so ein hübsches Kind. Stell dir mal vor, diese Zeit
kommt wieder. Ich lege dieses Foto hier für dich zur Seite, weil ich weiß, dass
es irgendwann ein Bild geben wird, wo du wieder so mit vollem Herzen und voller
Seele wunderschön lachen wirst." Ich mußte weinen. Weinen über mich und
meine Angst. Natürlich wußte ich, dass sie recht hat, dass mein ganzes
Verhalten in Gesellschaft nur daraus ausgelegt war, keine Zähne zu zeigen. Mein
ganzes Selbstbewußtsein war im Keller. Den richtig entscheidenden Schritt tat
dann aber meine große Schwester.
Sie erzählte mir am nächsten Morgen gemütlich und alleine bei einem Kaffee von
einer Bekannten. Diese lag lange Jahre - wegen was auch immer- im Koma. Ihr
Gebiß bestand fast nur noch aus Zahnruinen. Meine Schwester hat eine beste
Freundin und der Schwager ihrer besten Freundin sei Zahnarzt. Er hat das GEbiss
von der Komapatientin wieder hinbekommen. Und das fast ohne Schmerzen. Dann
fragte sie mich, ob ich mir nicht vorstellen könnte, diesen Wunderknaben mal
kennenzulernen und einfach nur mal mit ihm über meine Ängste zu sprechen. Sie
kommt mit und hält Händchen. All die Panik, all die Angst schluckte ich
herunter und sagte: JA. Dieses JA hat mein Leben schon jetzt verändert. Meine
Schwester machte einen Termin aus. Die Nächte vor dem Termin konnte ich fast
nicht schlafen, ich bin wahnsinnig geworden vor lauter Angst. Doch ich wußte ja
auch, dass es nur ein Gesprächstermin war und mit dem Wissen war ich ein wenig
beruhigt.
Diese Woche Montag war es dann soweit. Der Tag war gekommen. Den Abend vorher
machte mir meine ganze Familie Mut, dass ich es schaffen werde. Meine Schwester
rief abends noch an und sagte: "Nu lass mich nicht im Stich. Der Arzt
weiß, was für ein Schisser du bist. Es wird morgen nichts gemacht. Lass mich
nur nicht die 100 km umsonst fahren." Ich versprach es ihr. Und ich hielt
mich daran. Für 15 Uhr war der Termin angesetzt und den Montag erlebte ich wie
in Trance. Und dann war ich da. Der Geruch der Praxis umspielte meine Nase und
ich wollte nur noch weg. WEG! Aber es ging nicht. Meine Schwester war bei mir
und streichelte meinen Arm. Ich sah in ihre (und da wir uns sehr ähnlich
schauen) und auch meine Augen und sah, dass auch sie Angst hatte. Der Zahnarzt
holte uns von der Rezeption ab. Seine Begrüßung war wie folgt:
"Schwestern?" Ich konnte nicht sprechen. Meine Schwester sagte:
"Ja - die Schisserschwestern..." Wir gingen in ein Behandlungszimmer
und er fing nach kurzer persönlicher Vorstellung an zu erzählen: "Wißt
ihr, es gibt in dieser Welt eigentlich keine Helden. Soldaten, die im Krieg
sind - auch sie haben Angst und können nicht weg. Hier ist kein Krieg, aber
hier werden die echten Helden geboren. Weil Sie (und er zeigte auf mich) sich
Ihrer Angst stellen." Ich hatte eine lange Litanai vorbereitet, warum ich
Angst habe, warum ich so lange nicht da war. Doch er fragte nicht. Sondern schlug
mir vor, mich einfach auf den Stuhl zu setzen und er guckt sich alles mal an.
Ich fühlte mich überrumpelt zwar, aber wenn ich ehrlich bin, war es genau das
richtige. Warum alte Ängste wieder hoch kommen lassen? Ich habe mir ja lange
genug darüber Gedanken gemacht! Er nahm nur seinen Spiegel und fuhr einmal in
meinem Mund damit hin und her. Dann sagte er erstaunt: SOVIEL Zahnstein. Das
hat er fast noch nie gesehen. Über den Zustand meiner Zähne sagte er nichts.
Was auch gut war in dem Moment, denn ich war so am zittern. Ich wollte meine
Beine, meine Hände ruhig halten, doch es ging nicht. Dann sagte er: bevor wir
da mal den Status quo festlegen können, muss erst einmal der Zahnstein weg. Er
holte seine Zahnarzthelferin und sagte zu ihr, ob sie den Zahnstein mal bitte -
wenigstens von hinten entfernen könne. Ich fühlte mich zwar überrumpelt aber
hatte auch schon fast mit meinem Leben abgeschlossen. So sehr raste mein Herz.
Wir gingen gemeinsam in ein anderes Zimmer. Meine Schwester ging natürlich mit.
Mir war das alles so unangenehm und ich schämte mich wahnsinnig. Ich wußte,
dass ich extremen Zahnstein hatte, dass meine Zähne damit zugekleistert waren.
Meine Zunge hatte gar keinen Platz mehr, weil der Zahnstein fast alles bis nach
unten überdeckte. Sie zeigte mir das Ultraschallgerät, legte es an meine Hand
und drückte drauf. Ein leichtes Vibrieren. Mehr war nicht zu spüren. Aber
trotzdem hatte ich Angst. Sie fing an mit dem Entfernen des Zahnsteins und ich
dachte die ganze Zeit, dass alle Zähne mit abbrechen, weil - ach, weil ich
einfach so etwas dachte. Nach 2 Minuten ging nichts mehr. Ich weinte. Ich
zitterte. Wir warteten den Heulkrampf ab, meine Schwester hielt meine Hand und
dann starteten wir wieder. Der Zahnarzt kam herein und fragte, ob es okay wäre,
wenn er einfach mal ein Foto macht von dem Zustand meiner Zähne. Mir war alles
egal. Ich wollte nur weg. Der Zahnarzt holte seine Digitalkamera. Schoss ein
Foto. Sogar dabei habe ich gezittert. Dann fragte er, wer mein Hausarzt sei.
Ich gab ihm Auskunft. Auf meiner Anmeldung stand auch, dass ich wegen
Depressionen behandelt werde und der Zahnarzt sagte zu mir: "Es kann sein,
dass es zusammenhängt. Die Zahnarztangst und Depressionen. Ist es in Ordnung
für Sie, wenn ich mich mal mit Ihrem Hausarzt kurzschließe, ob wir nicht
einfach vor der Behandlung ein Mittel geben, damit Sie ruhiger sind? Und bei
der Gelegenheit: Sie sehen noch so jung und so zart aus, darf ich Sie bei Ihrem
Vornamen anreden? Sie haben schließlich so einen schönen Namen..." Für
mich war alles okay. Was ich dem Zahnarzt hoch anrechne und einfach toll fand,
war, dass er das Telefon holte, mich nach der Nummer fragte, ich wußte sie
auswendig - auch wenn ich dem Moment eigentlich noch nicht einmal Jahr und Tag
wußte und er telefonierte in meiner Anwesenheit mit ihm. Er erzählte, dass ich
heute das erste mal nach langer Zeit beim Zahnarzt sei und das ich vor Angst
fast wahnsinnig werde. Das sei doch nicht schön. Ob er (mein Hausarzt) mir
nicht etwas verschreiben könne, damit für mich der nächste Besuch erträglicher
sei. Pause. Ja das finde er gut und angemessen. Pause. "Ich soll sie von
Ihrem Arzt grüßen, er ist stolz auf sie, daß Sie sich ihrer Angst stellen. Am
Mittwoch haben Sie einen Termin, da wird er Ihnen etwas geben, damit Sie entspannter
sind." Ich hätte alles dafür gegeben, schon jetzt entspannt zu sein...
Aber noch ging es weiter. Aber nicht lang. Nach weiteren 5 Minuten
Zahnsteinentfernen zitterte ich wieder so, dass nichts mehr ging. Und das
obwohl die Zahnarzthelferin wahnsinnig sanft war, mir meinen Kopf streichelte
und mich für mein - ach so geringes Bemühen - lobte. Ich schämte mich so. Für
mein Verhalten, für meine Zähne. Für alles. Meine Schwester machte für
Donnerstag den nächsten Termin aus. Da sollte es weitergehen mit der Zahnsteinentfernung:
nur die untere Zahnreihe auf der linken Seite und nur von hinten. Und wenn ich
mich gut fühle auch noch Röntgen. Ich nickte alles ab, wollte nur RAUS. Auf dem
Weg raus, fragte meine Schwester wann mein Zug zurückfahre: Ich sagte: "Ich
dachte nicht, dass ich das hier überlebe und habe zurück gar keinen Zug
rausgesucht..." Sie lachte und sagte: "diesen Humor von dir habe ich
vermisst die letzten Jahre..."
Im Zug nach Hause schrieb ich folgenden Text:
17.08.09
Liebe Zahnarzthelferin,
heute war ich das erste mal da. Es war schlimm und auch nicht schlimm. Ich habe
mich so so so sehr geschämt und alles wie einen einzigen Alptraum erlebt.
Obwohl es nicht wirklich weh tat. Ich hatte nur solche Angst, dass wie bei
einer Dominoreaktion plötzlich alle Zähne abbrechen und ich flüchte. Ich weiß,
dass ich selber Schuld bin an der der ganzen Misere und habe mich fürchterlich
gefühlt. Eine junge, realtiv ansehnliche Frau steht da vor Ihnen und sobald sie
den Mund aufmacht, kommt einem das Mittagessen wieder hoch... Ich möchte
vernünftig essen können und auch vernünftig lachen, möchte nicht mehr die Hand
vor dem Mund halten, wenn ich lache. Ein ganz klein wenig stolz bin ich, dass
ich da war, auch wenn ich immer noch sehr, sehr viel Angst habe. Aber das erste
mal seit vielen, vielen Jahren glaube ich, dass es noch schlimmeres gibt, als
ein Besuch beim Zahnarzt. Und wenn ich daran denke, dass am Mittwoch mein
Hausarzt mir irgendetwas gibt, dass ich nicht so zittere, dann werde ich auch
den Donnerstag überleben.
18.08.09
Liebe Zahnarzthelferin,
gestern Abend habe ich meinem Vati noch eine EMail geschrieben. Viele gute
Eigenschaften habe ich ja von ihm geerbt, aber leider auch meine Angst. Falls
so etwas erblich ist. Wahrscheinlich ist es eher Prägung, aber irgendwie fühle
ich mich besser, wenn ich nicht der einzigste Schisser der Familie bin. Und die
Stelle, die gestern vom Zahnstein befreit wurde, fühlt sich - auf jeden Fall am
Zahnfleisch - schon besser an. Kein Wunder, vorher war sie ja mit Zahnstein
zugekleistert. Ein klein wenig freue ich mich schon auch an weiteren Stellen
wieder mein Zahnfleisch zu fühlen. Wenn ich all die kleinen Schritte gegangen
bni, kann ich wieder lächeln. Und ich glaube, es muss wahnsinnig entspannend
und toll sein, über einen Witz zu lachen und dabei an den Witz zu denken, als
wenn man während eines Witzes daran denkte, den Mund nicht zu sehr zu
verziehen, wegen der Zähne. Denn auch den Humor habe ich von meinem Vati
geerbt. Eine seiner wirklich sehr, sehr guten Eigenschaften. Ein Beispiel
gefällig? Als ich meiner Schwiegermutter von der Anwesenheit und Händchenhalten
meiner Schwester beim Zahnarzt erzählte, sagte sie leicht augenzwinkernd:
"Oh, du darfst dir vorerst kein Kind anschaffen, dann brauchst du 10 Leute
zum Händchenhalten..." Was soll man darauf anderes erwidern, außer:
"Zum Glück gibt es Hausgeburten, genug Platz im Wohnzimmer habe ich ja.
Und du bekommst den Ehrenplatz zu meiner Linken..."
So - nachher geht es weiter mit meinen Erlebnissen vom gestrigen Tag. Nun muss
ich erst einmal Frühstücken
Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »ManGo« (22. August 2009, 16:59)