Hallöchen,
ich bin so froh, Euch gefunden zu haben! Noch nie habe ich mit jemandem über meine Angst/ meine Zähne gesprochen. Nein, nicht weil ich nicht wollte, vielmehr, weil man ja gar nicht weiß mit wem! Zu oft klingeln einem die Kommentare der Umwelt im Ohr "Ja zuerst achte ich auf die Zähne, die müssen i.O. sein" oder "Leute mit Karies find ich widerlich" oder oder oder... Jetzt hab ich ein riesen Bedürfnis einfach mal alles aufzuschreiben, mein best behütetestes Geheimnis endlich an die Luft zu lassen - und natürlich auch etwas an der Situation zu ändern.
Das Grundproblem sehe ich in meiner Kindheit. Meine Mutter hat nie mit mir zusammen Zähne geputzt oder mich ermahnt, wenn ich es nicht tat, Zähne gehörten irgendwie nicht zur Erziehung. Also hab ich geschlampt was das Zeug hält. Die Löcher ließen natürlich nicht auf sich warten. Mit etwa 5 Jahren war ich dann ein Mal nachts in einer zahnärztliches Notfallpraxis, weil ich ne dicke Backe hatte und vor Schmerzen schrie.
Der nächste Zahnarzt in meinem Leben trat in der 4. Klasse auf den Plan. Schreck. Schulzahnarzt! Sowas gabs also auch? Mutig habe ich ihm vor der ganzen Klasse meine Zähne gezeigt und er sagte: "Na, dieses Fräulein will am Ende der Schulzeit wohl eine Prothese tragen". Ich bin im Boden versunken und habe den ganzen Tag mit niemandem mehr aus der Klasse gesprochen. Den Zettel mit dem Kreuzchen an "Schäden an bleibenden Zähnen" habe ich weggeworfen, damit meine Mutter nicht auf die Idee kommt, mit mir zum ZA zu gehen. Ich wollte nicht, dass ich mich noch einmal so wegen meiner Zähne schämen muss.
Weiter ging es dann in Klasse 7. Wieder Schulzahnarzt, dazwischen hat mich keiner auf seinem Stuhl gesehen. Als das Gerücht umging, der Schulzahnarzt sei da, wurde mir furchtbar übel und da ich von natur aus ein blasser Mensch bin, ging ich zur Lehrerin und sagte, dass ich nach Hause müsse, weil mir nicht gut wäre. So bin ich drumrum gekommen. In etwa in diesem Alter erfuhr ich auch erst, dass man regelmäßig seine Zahnbürste wechseln soll. Das war neu für mich, meine war etliche Jahre alt und für mich war das normal. Zahnbürsten auswechseln erschien mir wie Geld aus dem Fenster werfen.
Weiter geht es mit der 9. Klasse. Schulzahnarzt. Was auch sonst. Wieder waberte das Gerücht um, der Schul-ZA komme morgen. Zu Hause schrieb ich einen Zettel, den ich mit der Unterschrift meiner Mutter versah, der mich vom Schul-ZA befreite, weil ich angeblich in zahnärztlicher Behandlung sei. Am nächsten Morgen rannte ich sofort zum Schul-ZA-Zimmer, zeigte dem Arzt den Zettel und verschwand. Wieder war ich drumrum gekommen.
Mittlerweile waren aus den Löchern Stumpen geworden, die viel unangenehme Pflege brauchten. Essensreste rauspopeln, hochprozentige Mundspülung reinkippen, Kaugummi dranpappen, damit man nichts sieht, Schmerzmittel organisieren, heute nur auf dieser oder jener Seite kauen etc. Und jedes Mal an Sylvester dachte ich "Mist, dieses Jahr halten die Zähne bestimmt nicht mehr durch" und ich war mir sicher, dass bei meinem ersten Gang zum ZA, kein Witz, die Presse nicht lange auf sich warten lassen würde. Sowas wie meine Zähne hatte die Welt noch nicht gesehen. Zudem berichtete mir eine Schulfreundin, die beim ZA ein Praktikum machte, wie in der Praxis über die Patienten gelästert wird (ja auch der Arzt selbst), wenn sie raus sind... und dabei handelte es sich bei Weitem nicht um solche Zähne wie meine. Meine Angst fand ich darin nur bestätigt.
Tja, der befürchtete Tag kam natürlich trotzdem irgendwann. Vor drei Jahren. Meine Backe war dick geschwollen, ich konnte kaum noch reden, gegessen hatte ich seit Tagen nicht mehr richtig, Schmerzmittel halfen kaum noch. Zum ZA traute ich mich trotzdem nicht. Ich setzte mich ins Auto und fuhr "spontan" meine Mutter besuchen. In der Hoffnung, sie würde die Backe sehen und mich zum ZA zwingen. Und so geschah es auch.
Wir betraten die Praxis und jede/r, der/die mich sah, sagte irgendwas wie "oh weh". Ich stand im Mittelpunkt. Wie furchtbar! Die ZÄ redete eine Viertel Stunde auf mich ein, bis ich das erste Mal den Mund öffnete, sie sagte, ich könne ja auch wieder gehen mit dieser Backe, wenn mir das lieber wäre und dass sie keine Lust habe sich für nichts und wieder nichts die Beine in den Bauch zu stehen. Also öffnete ich den Mund, sie sagte "oh je", meine Mutter fragte aus der Ecke "kann ich mal seeeeehn?". Ich bekam ein Antibiotikum und sollte ein paar Tage später wieder kommen.
Geduckt kam ich ein paar Tage später wieder, ich schwitzte wie ein Schwein, fummelte mehrere Taschentücher kaputt und kämpfte mit den Tränen. Aber ich wollte mutig sein, habe zwei Spritzen bekommen und dann machte sie sich an einem Zahn zu schaffen. Ich dachte, das ginge nun alles relativ schnell, aber es zog sich endlos hin. Es drückte schrecklich, dass ich dachte, es haut mir den Kiefer weg und Schmerzen verspürte ich auch noch. Nachher habe ich erst erfahren, dass dieser Zahn "gesprengt" wurde, was wohl insgesamt nie so angenehm ist. Als sie fertig war, war ich es auch. Sie sagte, dass wir das nun noch drei Mal vor uns haben. Da konnte ich nicht mehr. Nicht noch mehr davon, nicht heute. Wir brachen die Behandlung ab und die ZÄ bat mich, mich doch bitte das nächste Mal darauf einzustellen, dass es 3 Zähne sein werden.
Nachdem ich die erste Behandlung überlebt hatte, hatte ich neuen Mut gefasst und beschlossen, nun zu einer ZÄ in meiner Nähe zu gehen. Wegen irgendwas musste ich nochmal bei der alten ZÄ anrufen, ich meldete mich mit meinem Namen, die ZAH konnte nichts damit anfangen, fragte eine Kollegin und aus dem Hintergrund schallte es "ach die mit der dicken Backe und den Ruinen!" Ja danke. Dennoch machte ich einen Termin an meinem Wohnort und widerstand der Verlockung, das Wartezimmer zu verlassen. Wieder zitternd, Taschentücher rupfend und heulend saß ich im ZA-Stuhl und nach einer Weile kam der erlösende Satz "Frau Hamsterbacke, so kriegen wir das nicht hin, ich schlage eine Vollnarkose vor". Mit einer halbseitigen Gesichtslähmung, die sich in der Praxis keiner erklären konnte, trat ich den Weg nach Hause an. Die eine Hälfte des Gesichts hing einfach runter. Ich konnte nichts mehr trinken, weil die Flüssigkeit einfach wieder hinauslief, ich konnte nicht rauchen, weil ich die Zigarette nicht umschließen konnte, ich konnte nicht lachen ohne - öhm - behindert auszusehen. Meine Tochter hat sich totgelacht. Und so verbrachte ich den Rest des Tages zu Hause. Zum Glück gab sich die Lähmung am Abend wieder, aber Angst vor Narkosemitteln/Spritzen ist geblieben.
Die musste nun leider wieder in einer anderen Praxis vorgenommen werden. Dort wurde erneut mein Kiefer geröngt, meine Röntgenbilder in der proppenvollen Praxis vorne am Empfangsthresen diskutiert und hochgehalten. Aber ich bin geblieben. Nur dieses eine Mal noch, dachte ich mir. Die neue ZÄ sagte dann zu mir "Na, da wird ja auch Zeit, dass was getan wird! Einn bißchen spät, nicht?" Ja, was sollte ich sagen? Ich wollte nur noch diese verdammte VN und ein neues Leben anfangen. Auf meine Frage, ob denn nun nur Zähne gezogen werden oder auch gleich die kleineren Schäden repariert werden, antwortete sie, dass sie nur ziehen wird, den Rest müsste ich lernen selber in Angriff zu nehmen. Man zog mir dann also die Weisheitszähne und 5 weitere Backenzähne. Ich kam mir danach vor wie eine Oma. Ich sah mein Gebiss im Spiegel an und schämte mich, in meinem Alter nur noch so wenige Kausteine im Mund zu haben - und davon ja auch noch etliche beschädigt.
Ich nahm mir Großes vor als die Wunden verheilt waren. Jetzt wollte ich den Rest auch saniert haben und dann eine professionelle Zahnreinigung und ggf. eine Spange für die Schiefstellungen von dem Druck der Weisheitszähne. Morgen mach ich nen Termin. Morgen. Ja, nächste Woche. Nächste aber bestimmt. Mir klingelten immer diese Sätze im Ohr "Die mit den Ruinen", "Ist n bißchen spät, nicht?", "Dieses Fräulein will am Ende der Schulzeit wohl eine Prothese tragen"... ich arrangierte mich mit den fehlenden Zähnen. Bis jetzt. Der eine Zahn will nicht mehr, er schmerzt, ich fange wieder an, kaum zu essen, Schmerzmittel zu nehmen und die ersten Spuren an den Frontzähnen werden auch deutlicher.
Will ich wieder da anfangen? Will ich das alles wieder mitmachen? Dafür dass es mir doch nichts bringt? Ich muss. Ich weiß. Ich will. Aber diesmal lasse ich mir von Euch einen ZA empfehlen, zu einem anderen gehe ich nicht mehr.
Entschuldigt den Roman in zig Akten, es tat einfach gut! Bitte macht mir Mut! Ich hab so Angst
Hamsterbacke
Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Hamsterbacke« (29. Oktober 2007, 12:21)