Weiss schon nicht mehr wie ich meine Angst ausdrücken soll
Ich grüße Euch
und versuche mir meine Angst aus der Seele zu schreiben, glaube jedoch nicht, dass es mir gelingt. Fakt ist, dass ich morgen zum Zahnarzt muss, ich hatte heute schon beim Notdienst angerufen in aller Verzweiflung, sie wollten mich nicht, haben mich auf morgen vertröstet, da Angstpatienten mehr Zeitaufwand bräuchten. Zumindest wissen sie, dass es diese Patienten gibt. Ich habe jetzt Schmerzen, die waren die letzten Tage nicht so schlimm, habe da akut einen ganz lockeren Zahn, ich glaube, wenn ich ein paar mal drehen würde, könnte ich ihn rausnehmen, letzte Nacht habe ich es ein wenig versucht. Es ist ein unterer Eckzahn, an dem auch noch eine Klammer für einen kleinen anderen Zahn halten muss. Wahrscheinlich hat ihn das so mitgenommen auf die Jahre. Mir ist elend schlecht, ich kann an nichts anderes mehr denken, fühle mich fremd, ausgeschlossen, komplett neben den Schuhen, obwohl ich sonst in anderen Dingen sehr stark bin, hier schaffe ich es einfach nicht. Nebst der Zahnarztangst habe ich noch eine Angst vor Antibiotika, aber das hängt mit der Zahnarztphobie zusammen. Es ist ein Teufelskreis, in dem ich schon seit Jahren lebe.
Nun ist es wieder akut, immer habe ich mich weggeschlichen, gebetet, gehofft, der oder der Zahn möge sich noch ein wenig gedulden, bis ich ruhiger, gefasster wäre. Nichts da. Nun ist sie wieder da, und ich weiss nicht, ist mir so elend vor Angst oder tut sich noch anderes in meinem Körper. Ich friere, habe Kopfschmerzen, kann nicht schlafen, - bin aber auch total verspannt.
Aber ich muss wohl versuchen zu erklären, warum solche Angst. Es begann vor ca 25 Jahren. Zuvor hatte ich nie Angst, bin auch regelmässig zum Zahnarzt gegangen, es waren nie so grosse Sachen. Bis zu einem Tag, als mein Zahnarzt meinte, ein Backenzahn müsse gebohrt und gefüllt werden und er würde mir dazu eine Betäubungsspritze setzen. Ich habe mir nichts dabei gedacht, doch kaum hatte er gespritzt, war das Zeug in meiner Schleimhaut, konnte ich nicht mehr atmen, überhaupt nicht mehr, und mein Kreislauf brach komplett zusammen. Ich weiss nur noch, dass ich nicht atmen konnte, dass mir unglaublich übel wurde und dass mir kalt wurde. Dann war ich weg. Irgendwie hat man mir wohl was gespritzt, damit ich wieder zu mir käme und der Zahnarzt meinte im Nachhinein, das wäre eine alllergische Reaktion auf die Lokalanästhesie gewesen, ein anaphylaktischer Schock. Nichts Krankenhaus oder Aufklärung, sie liessen mich im Wartezimmer sitzen, riefen meinen damaligen Mann an, der mich abholte. Und mit diesem Tag begann meine Angst-Odyssee. Gut, waren meine Zähne damals noch in Ordnung und ich schob es weg, aber vor einigen Jahren begannen die Zähne im Oberkiefer zu faulen, sie wurden brüchig, locker und machten unglaubliche Schmerzen. Ich kann fast nicht erzählen, was ich durchmachte, die Angst tauchte wieder auf. "Ich kann doch nicht zum Zahnarzt gehen, denn der wird spritzen und dann sterbe ich im Zahnarztstuhl" und dergleichen Gedanken gingen mir durch den Kopf. Ich schob und schob und litt, zog mich zurück, nahm irgendwie nicht mehr am Leben teil. Scham ob dieser Angst, die so gar nicht zu mir passte, Scham ob meiner immer schlechteren Zähne. Keine Lust mehr auszugehen, noch zu sonst etwas. Ich wurde von der Angst beherrscht. Irgendwann war es dann so schlimm, dass ich zu irgendeinem Zahnarzt ging. Viel kann ich dazu nicht sagen, ich erinnere mich kaum mehr an diese Besuche. Ich habe versucht zu erzählen, dass meine Angst eine ganz andere sei, als die meisten hätten. Es ist nicht unbedingt die Angst vor Schmerzen, die ist eher normal, es ist diese Angst vor der Lokalanästhesie.
Er hat dann irgendwas "Leichtes" gespritzt, meinte, die Mittel seien heute besser und hat mir einen Backenzahn und die vorderen Zähne gezogen. Dann wurde ein Provisorium mit Klammern gemacht, dass sich um die verbliebenen Zähne legte. Wie ich die Behandlung überstand, ich weiss es nicht mehr genau. Die Angst zuvor war so gross gewesen, dass sie alles beherrschte. Ich habe diese Narkose überlebt und eine Weile mit dieser Klammer gelebt. Nach zwei Jahren wurden zwei weitere Zähne schlecht, einer lockerte sich, der ander bröselte vor sich hin. Die Monate , die Wochen gingen mit diesem Zustand ins Land. Ich bekam über dem lockeren Zahn einen Abszess, den ich mir Nachts mit einer abgekochten Nadel angestochen habe, der Eiter floss ab. Der Zahn wackelte. Als nichts mehr ging und ich nur noch zitternd durch meine Wohnung kroch, bin ich an einem Samstag zu einem Notdienst gegangen. "Der Zahn muss raus", hiess es, "warten Sie, ich gebe Ihnen eine Spritze " . Da setzte es bei mir aus. Ich habe ihn gefragt, ob er schon mal einen Zahn ohne Betäubung gezogen hätte. Er schaute mich an, als sei ich irre, vielleicht dachte er sowieso , ich sei irre. Nein, hätte er nicht. Dann habe ich ihn gefragt, wieviele Umdrehungen dieser Zahn noch bräuchte, bis er ihn ohne Bet. raus hätte. Ein Schulterzucken und Zweifel seinerseits. Er könne es ja versuchen,l meinte er, legte vorsichtshalber eine aufgezogene Spritze auf das Tablett. Ich klemmte mich in den Stuhl, schaute ihn noch mal an und sagte, nun wäre ich soweit. Er setzt die Zange an, drehte dreimal und raus war das Ding. Es war nur ein kurzer Schmerz. Er hat mich nicht verstanden, war ganz konsterniert. Er kannte nur Patienten, die unbedingt eine Spritze wollten.
Wenn jemand mitgelesen haben sollte, kann er sich vorstellen, dass da soviele Zähne gar nicht mehr waren. Und ein paar Monate später meldeten sich auch die letzten im Oberkiefer. Die Angst war wieder gross. Wochen, in denen ich kaum gegessen habe, noch geschlafen, alles drehte sich um Angst und Zähne, Schmerzen und Scham.
Ich ging nachts durch die Straßen, schaute mir verschiedenen Zahnarztpraxen von draussen an, überlegte, hatte Angst, war nur noch ein Bündel aus Hilflosigkeit und habe mich zwischenzeitlich gehasst. Als ich innerlich einfach fertig war, stand ich morgens um viertel vor acht bei einem Zahnarzt in der Praxis und bekam gerade noch raus, dass man mir bitte helfen müsse. Man nahm mich dran. Dieser Zahnarzt hat mir dann oben die restlichen Zähne gezogen, nach einigem Überlegen. Er wollte es zuerst nicht, hatte Angst, dass ich ihm da zusammenbreche oder hysterisch würde. Hat dann ein Mittel gesucht, von dem er mir erst nur ganz wenig spritzte, gewartet haben wir, ob was passiert, es passierte nichts, ausser dass mein Herz raste als müsse alles Blut aus mir raus. Da hätte was passieren können. Aber als ich nach 20 Minuten merkte, dass nix passiert wurde ich ruhiger und er hat 5 Zähne gezogen, zwei Backenzähne auch, die mehrere Wurzeln hatte, da hat er dann herumgehakelt. Es ging soweit, ich wusste zwischenzeitlich nicht, warum ich so zitterte, aber konnte ruhig an mir arbeiten. Am nächsten Tag bekam ich ein Provisorium für den Oberkiefer, mit Zähnen vorne, aber ohne Backenzähne (dieses habe ich heute noch und klebe es immer mit Blendadent fest).
Der Oberkiefer heilte gut ab, ich ging auch brav hin, denn er hatte mir eine Zahnreinigung bei seiner Dentalhygienikerin verpasst, die ich selbst bezahlen musste von dem bisschen Geld, was mir nach der Scheidung blieb. Ich dachte, nun kommt alles gut, ich warte noch bis alles abgeheilt ist und dann bekomme ich oben ein feines Gebiss, damit ich mal wieder richtig essen konnte. Hatte mir auch fest vorgenommen, nun die unteren Zähne alle fertig machen zu lassen. Nach 6 Wochen Termin. Ich ging so froher Erwartung hin, freute mich aufs Gebiss, und da sagte mir der Zahnarzt, - nein, er würde da jetzt kein Gebiss machen oben, besser wäre es, die Zähne unten auch noch rauszunehmen, bis auf zwei oder drei, die dann unten das Gebiss halten sollten. Aber er würde das mit der Angst nicht mitmachen wollen, das wäre zu zeitaufwendig, ich bekäme eine schöne Vollnarkose mit einem Anästhesisten und würde mit wunderbaren Zähnen aufwachen. Da bin ich aufgestanden, habe nichts mehr gesagt und bin gegangen. Das war zuviel für mich.
Die Zeit ging ins Land, und im Sommer 2004 lockerte sich ein unterer Zahn. Ich liess ihn eine Weile locker, wieder bis nichts mehr ging und ich mit meiner Angst nicht mehr schlafen konnte noch am Leben teilnahm. Wieder das Schleichen um Praxen. Ich suchte eine Zahnärztin aus in der Nähe meiner damaligen Wohnung. Habe kein Auto und musste schon immer überlegen, wie ich da hin käme, mit zitternden Beinen und den Verstand ausgesetzt vor Angst. Ich ging einfach in die Praxis, berichtete leise und beschämt von meiner Angst, erzählte das was ich immer erzählt hatte und kam in den Stuhl. Der muss raus (das wusste ich selbst) und sie gab mir wie sie sagte auch wieder ein leichtes Mittel - redete mit mir während die Narkose wirken sollte, ging nicht raus und liess mich allein. Lächelte mich an, es war ruhig in der Praxis und leise Musik. Sie war einfach gehalten die Praxis, das gefiel mir. War auch schon ein Kriterium bei mir geworden, die Gestaltung einer Praxis. Je protziger, je ungeduldiger der Arzt. Sie hat mir diesen Zahn gezogen und ich bekam am nächsten Tag einen kleinen Zahn mit einer Klammer, die sich um den Zahn schloss, der mir jetzt solche Angst bereitet und hinter den anderen Zähnen unten verlief und eine Klamer um einen anderen Zahn an der anderen Seite hatte. Auch dieser ist kaum noch da.
Es ist eine Odyssee und ich stecke wieder herinnen, winde mich, zittere, fröstele, schäme mich, könnte schreien vor lauter Angst, denn sie wird von mal zu mal schlimmer. Es ist mir, als sei das gar nicht ich, denn das was da in mir vorgeht ist so ganz anders, als ich sonst bin. Ich habe schon so viel geschafft, so viel Kraft bei anderen Dingen lassen müssen, habs geschafft und nun haut mich das gänzlich um. Wirft mich komplett zurück in die Angst. Alles ist wieder fremd, ich sperre mich ein, fühle mich hilflos und allein.
Und dieses lockere, fremde Ding im Mund, um das ich unter höllischen Schmerzen und mit zitternden Händen zweimal am Tag diese Klammer stecke, denn wenn die Klammer drum herum ist, wackelt er nicht ganz so. Habe ich die Klammer ab, sehe ich diesen langen, weit aus dem Zahnhals lugenden Zahn, gehe ich mit dem Finger oder der Zunge daran, tut es höllisch weh, so locker ist er und man kann ihn fast umbiegen.
Da ist wohl nicht mehr viel, was noch verwurzelt ist. Wie lange braucht der Zahnarzt diesmal, bis er ihn raus hat ? Ob man es bitte wieder ohne Betäubung machen kann ? Und dann ist daneben noch der alte Backenzahn, mit dem das ganze Diliemma vor 25 Jahren begann. Und wenn er dann rauskommen sollte der lockere Zahn, dann habe ich untern zwei ganz grosse Lücken. Da kann man keine Klammer mehr machen, da wollen die an all die Zähne ran.
Ich schaffe das alles nicht mehr !
Verzeiht mir dass ich soviel geschrieben habe, es hat mich kurz abgelenkt.
miss-panic